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Bericht

Vom Gehorsam zur Verantwortung - und warum demokratische Werte nicht ausreichen

„Beteiligung macht stark“ ist eine starke Überschrift. Er benennt eines unserer wichtigsten menschlichen Grundbedürfnisse. Beteiligt sein, teilhaben, verbunden sein. Wir Menschen sind so gemacht, dass wir uns in einer Gruppe oder Gemeinschaft nicht wohl fühlen, wenn wir nicht wertvoll sein können. Jeder will was beitragen, jeder will beteiligt sein.
Kinder und Jugendliche wollen dabei sein und dazu gehören - genauso wie Erwachsene. Wenn allerdings ihre Integrität verletzt wird, dann ziehen sich einige zurück und andere werden aggressiv. Das passiert in Familien genauso wie in pädagogischen Gruppen.

ein Diskussionsbeitrag zur Tagung Demokratie in Kinderschuhen IV - Gleichwürdige Zusammenarbeit (31.3.-1.4.11) von

Christine Ordnung

www.christine-ordnung.de, www.ddif.de

In einem Aufsatz von Martin Kühn mit dem Titel „Traumapädagogik und Partizipation“ habe ich diese Beschreibung gefunden. Partizipation bedeutet Beachtung, Berücksichtigung und Einbeziehung der Persönlichkeiten und der Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen durch die Erwachsenen und das unter der verantwortungsvollen Führung der Erwachsenen. Es ist also als eine pädagogische Grundhaltung zu verstehen. Und er fügt dazu: Partizipation ist mehr als einfach nur Entscheidungen an Kinder und Jugendliche zu delegieren. (sinngemäß zitiert Traumapädagogik S. 127 ff)

Demokratische Mittel und Werte, wie Mitsprache, Mitbestimmung, Selbstbestimmung der Kinder und Jugendlichen und deren Eltern sind für Schulen unbedingt notwendig und überfällig. Mitbestimmung reicht aber nicht aus, wenn es um Gefühle,um unser Sein und um zwischenmenschliche Beziehung geht. Konflikte und Probleme können nur begrenzt durch Abstimmung gelöst werden.

„Gleichwürdigkeit“ in einer Beziehung heißt, dass die Gedanken, die Reaktionen, die Gefühle, das Selbstbild, die Träume und die innere Realität des Kindes oder Jugendlichen gleich ernst genommen werden wie die des Erwachsenen und vom Erwachsenen in der Beziehung berücksichtigt werden.

Gleichwürdigkeit ist nicht zur verwechseln mit Gleichheit oder Gleichwertigkeit. Gleichwürdigkeit ist kein politisches Recht. Es steht vielmehr für einen neuen Maßstab zwischenmenschlicher Beziehungen. Die Erfahrungen aus der Familientherapie mit gestörten Beziehungen und die Erkenntnisse der Bindungsforschung im Hinblick auf die Beziehung zwischen Säuglingen und Eltern der letzte 20 – 30 Jahre ergaben, dass eine Subjekt-Subjekt-Beziehung im Gegensatz zu einer Subjekt-Objekt-Beziehung, in der das Kind das Objekt ist, die beste Grundlage für eine gesunde Entwicklung ist.

Der Weg zur Gleichwürdigkeit ist schwierig – intellektuell und emotional. Es ist schwer aufzuhören, im „Erwachsenen gegen Kind“ Modus zu denken. Es ist schwer, eine Haltung anzunehmen, die beiden Seiten gleich dient und nicht die Bedürfnisse des einen über die des anderen stellt. Die meisten Erwachsenen von heute haben das in ihrer Kindheit nicht erlebt.

Neben der persönlichen Verantwortung, die wir alle für unser Verhalten, unsere Gefühle, Reaktionen, Werte usw. übernehmen sollten, kommt für den Erwachsenen noch hinzu, dass er in jeder Beziehung und Begegnung mit einem Kind oder Jugendlichen der Verantwortliche für die Qualität der Beziehung ist.

Es ist eine der dringendsten Notwendigkeit, dass die Erwachsenen verstehen:

Diese Verantwortung kann weder an die Kinder oder Jugendlichen delegiert werden noch zwischen Erwachsenen und Kindern aufgeteilt werden. Das gilt gleichermaßen für das Elternhaus wie für das Klassenzimmer.

Bis vor nicht allzu langer Zeit galten einfache und klare Spielregeln. Kinder und Jugendliche wurden bei „schlechtem“ Verhalten zu Recht gewiesen und bestraft. Das Verhalten der Erwachsenen dagegen war per se tadellos und wenn das mal nicht der Fall war, dann, weil sie gereizt, provoziert oder herausgefordert wurden.

Von den vielen Phänomenen, die das schulische Leben negativ beeinflussen, zerstörte und zerstört diese Doppelmoral am meisten die Beziehungen zwischen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Wir sollten uns jedoch davor hüten, den Spieß einfach umzudrehen. Keine Pädagogin und kein Pädagoge soll sich Kränkungen, Verletzungen und Angriffen aussetzen müssen.

Wir sprechen nicht nur so, wie wir sind, wir werden auch so, wie wir sprechen. Wir müssen teilweise eine neue Sprache lernen, um gleichwürdige Beziehungen zu leben. Dazu gibt es täglich aufs Neue ausreichend Gelegenheit.

Zu professioneller Beziehungskompetenz gehören 3 Punkte
Die Fähigkeit der Pädagoginnen und Pädagogen, das einzelne Kind zu seinen eignen Prämissen zu „sehen“ und ihr eigenes Verhalten darauf abzustimmen, ohne dabei die Führung abzugeben.
Außerdem die Fähigkeit, im Kontakt authentisch zu sein. (Handwerk)
Schließlich die Fähigkeit und der Wille, als Pädagogin oder Pädagoge die volle Verantwortung für die Qualität der Beziehung zu übernehmen.(Ethik)

Quellen:
Jensen, Juul: „Vom Gehorsam zur Verantwortung“ Beltz Verlag
Bausum, Besser, Kühn, Weiß: „Traumapädagogik“ Juventa Verlag
Gebauer, Hüther: „Kinder brauchen Vertrauen“ Walter Verlag

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Querverweise

Schlagworte:  Demokratiebildung und Kinder

Projekte:  Politische Bildung mit Kindern

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"Wenn Politiker und Bürger sich nicht mehr verstehen, dann steht das System in Frage. Deshalb ist das Thema Sprache und Politik für die Demokratie so wichtig!"

Johannes Neumann, Freiwilliger der Ev. Akademie im FSJ-Politik, im Wittenberger SuperSonntag vom 01.07.2012

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