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Aishe Memetova / Foto: Kateryna Chernii / Evangelische Akademie Wittenberg

Bericht

Aishe Memetova

Aishe Memetova ist ein schönes und intelligentes Beispiel der Krimtatarischen  Jugend. Sie ist nicht nur sehr gebildet, sie engagiert sich auch sehr stark für ihre eigene Kultur und Herkunft. Aishe berichtet und erzählt von ihrer Heimat und  von der aktuellen Situation auf der Krim nach der Annexion und deren Folgen für die Krimtataren. Europäer erhalten somit Informationen aus erster Hand, denn die Ukraine ist vielfältiger als man denkt.

In erster Linie identifiziere ich mich als Krimtatarin.  Im Laufe der Zeit habe ich verstanden, dass es wichtig ist, neben einer Weltoffenheit auch seine eigene Kultur und Identität zu besitzen. Ohne eigene Sprache, Traditionen und Wurzeln bist du uninteressant für die Welt. Jetzt möchte ich zu meinen Wurzeln zurückkehren, die Geschichte meiner Familie, meines Volkes sowie meine Sprache erforschen und mich bemühen, auf krimtatarisch zu sprechen.

Nach der Annexion der Krim, habe ich das Ziel, so viel wie möglich über die Situation auf der Krim zu erzählen. In welche Situation sind die Krimbewohner geraten, insbesondere die Krimtataren, ein indigenes Volk der Krim, und welche Rechte werden dort wie nie zuvor verletzt.

Wenn nicht wir Krimtataren über uns erzählen,  macht es niemand für uns. Die ganze Verantwortung liegt bei uns.

Egal ob man im Ausland studiert, wohnt oder sich jetzt in der Ukraine befindet: Jeder muss ein krimtatarischer Botschafter sein. Man muss die Menschen informieren, selbst wenn sie schon von Krimberichten genervt scheinen. Als ich in Hamburg studiert und mein Praktikum in Berlin absolviert habe, bemühte ich mich, jedem zu erzählen, wer wir sind und was mit uns passiert ist. 

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Es ist wichtig, dass die Menschen wissen, dass wir nicht irgendeine komische Gruppe sind, über die sie zwei Zeilen in der Zeitung gelesen haben. Sie sollen wissen, dass wir  Menschen mit eigenen Schicksalen, mit eigener Geschichte, Kultur und Sprache sind. Ich glaube, dass man die Krimtataren den Europäern näher bringen muss.

Was habe ich in Deutschland gelernt? Ich denke nicht, dass ich solche Erfahrungen bekommen habe, nur weil ich in Deutschland gewohnt habe, sondern die Erfahrung, dass ich weg von zu Hause, von der Familie und meinen Freunden gewohnt habe. Als erstes habe ich gelernt, jedes Problem selbst zu lösen. Zweitens habe ich gelernt, bereit für alle Schwierigkeiten zu sein. Man muss vorbereitet sein, dass nicht alles funktioniert und leicht ist. Man muss Geduld haben und weiter machen, auch wenn es keine Unterstützung gibt und man nicht gleich Ergebnisse erzielt.

In Deutschland wundert mich die Effizienz, wenn es um Zeit und  Ressourcen geht. Es gefällt mir sehr, wie man hier mit der Umwelt und der Arbeitsorganisation umgeht. Als ich einen Studienaufenthalt bei Firma „Bosch“ gemacht habe, habe ich gesehen, wie sie die Umschläge für interne Post zehn bis fünfzehn Mal benutzen. Ich finde es toll, wenn auf solche Kleinigkeiten geachtet wird.

Es war immer wichtig für mich, gemeinnützlich zu sein. Ich möchte etwas machen um etwas zu geben und nicht nur zu bekommen. Deswegen ist der öffentliche Bereich attraktiv für mich.

Man muss immer an sich arbeiten und eine gewisse Routine erlangen, sich dabei aber nicht quälen und einen guten Kompromiss mit sich selbst finden.

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Ukrainer zu sein, ist für mich in erster Linie ein staatsbewusster Bürger zu sein. Das heißt, so gut man kann, alles Mögliche zu machen, dass dieses Land sich in ein blühendes europäisches Land wandelt, in dem es für alle komfortabel und schön ist. Dies soll für Jung und Alt gelten, einfach für alle Bürger.

Es ist mir immer unangenehm, wenn Deutsche geringschätzig über die Ukraine urteilen und Ratschläge geben, selbst wenn sie nie in der Ukraine gewesen sind, nie die Geschichte und die Kultur kennengelernt haben und nicht wissen, was die Bürger dieses Landes während der Sowjetunion, der 1990er Jahre und der 2000er erlebt haben. Deutschland ist vorwärts in seiner Entwicklung gegangen, und das liegt zu einem großen Teil an seinen Menschen, den Deutschen. Sie haben das Land aufgebaut und eine besondere Einstellung zu ihrer Arbeit, Pünktlichkeit und ihren Ressourcen. Allerdings glaube ich, dass man nicht einfach Beurteilungen oder irgendwelche Ratschläge machen kann, bevor man die Frage nicht kennt.

Was Patriotismus in Deutschland und in der Ukraine angeht: Die Geschichte unserer Länder ist sehr unterschiedlich. Wenn deine Kultur immer unterdrückt war, wenn deine Geschichte totgeschwiegen war, wenn Holodomor (Hungersnot) und die Deportation von Krimtataren stattgefunden hat, bewirkt das alles die Gegenwirkung. Das bedeutet, so denke ich, dass der Patriotismus in der Ukraine aus der Geschichte herrührt. Denn wenn dir andere dein Recht auf ein eigenes Land und das Recht, eigenständig zu sein, versagen, wenn sie dir sagen, dass deine Kultur minderwertig ist und deine Sprache unwürdig, dass es keine Medien in deiner Sprache geben darf, dann wirst du wohl oder übel Nationalist. Allerdings hat es in diesem Sinne eine positive Bedeutung. Ein Patriot in der Ukraine zu sein ist normal, es ist richtig. Es ist aber schwierig, dass in Deutschland zu erklären. Auch wenn man offen ist, bleibt die Geschichte in den verschiedenen Ländern sehr kompliziert.

Das Wichtigste ist, sich selbst auf dieser Welt zu finden und glücklich zu sein. Der Vorwärtsgang ist nicht immer die Richtung zum Glück. Vielleicht ist es besser, manchmal anzuhalten und nicht immer oben zu sein, sondern auch einmal den Moment zu genießen.

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Querverweise

Projekte:  Ukraine bin ich

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Aishe Memetova

• geb. 1991
• Taschkent, Simferopol,  Kiew
•  studierte  «Recht» an der  Nationalen Universität Kiew-Mohyla-Akademie und «Recht und Business» an Bucerius Law School in Hamburg
•  Stipendiatin  der Joachim Herz Stiftung und der Stiftung «Global Studies» von Viktor Pinchuk
•  absolvierte ein Praktikum bei der Kanadischen Botschaft in Berlin
•  arbreitet bei der «Gesellschaft für bedrohte Völker» (GfbV) mit
•  wohnt in Berlin

Diese Arbeit ist entstanden als eigenverantwortliches Projekt (EVP) im Rahmen des Freiwilligen Sozialen Jahres im politischen Lebens

Träger des FSJ Politik sind die Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste (ijgd), Landesverein Sachsen-Anhalt e. V.
Gefördert wird das FSJ Politik durch den Europäischen Sozialfonds über das Land Sachsen-Anhalt sowie das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ).

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